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Radio-Kultur
Der erste Rundfunkintendant des Westdeutschen Rundfunks in Köln, Ernst Hardt, feierte emphatisch den Rundfunk als "eines der größten Wunder der letzten technischen Wunderjahre". Radio sei "eine jener Jahrtausend-Erfindungen, die in langsamer täglicher Wirkung das menschliche Geist- und Seelenantlitz umformen". Was die Menschen damals am Radio begeisterte, drückt das geflügelte Wort: "die Überwindung der Grenzen von Raum und Zeit" am besten aus. Darin war mitgedacht die Überwindung der kulturellen Grenzen durch Vermittlung von Kultur an bildungsferne Schichten, die Überwindung der Schranken zwischen "hoher" Kultur und Unterhaltungskultur, die Überwindung der politischen, d. h. auch Klassen-Grenzen durch das als "überparteilich" konzipierte Medium im Unterschied zur damals dominierenden Parteipresse, die Überwindung der Zeit durch sekundenschnelle Übertragung von Ereignissen, also die Möglichkeit des unmittelbaren Dabeiseins, und schließlich die Überwindung der Grenzen zwischen den Nationen im Sinne der Völkerverständigung. In die Begeisterung mischten sich kritische Stimmen, die eben diese Grenzüberschreitungen als Ende jeder Kultur brandmarkten. Die Vermassung der Kultur zerstöre, unterstützt durch die Verwischung der Grenzen zwischen Kultur und Unterhaltung, letztlich jede Kultur. Die Verbreitung von Politik leiste einer folgenschweren Politisierung der Gesellschaft Vorschub, die eher trenne als verbinde. Die Aktualisierung verkürze die Wirklichkeit auf die bloße Sensation, die reine Oberflächenbetrachtung, das "beste und billigste Rauschmittel der Masse". Durch nach Deutschland einstrahlende Sender drohe kulturelle Überfremdung. Jenseits von prinzipieller Kritik und Begeisterung suchte der Rundfunk einen praktischen Weg, den verschiedenen Anforderungen entgegenzukommen. Er gestaltete mit zunehmenden Programmausdehnung - von anfänglich einer bis zuletzt ca. 16 Stunden - sein Programm immer unterhaltender, um von Anfang an geäußerten Hörerwünschen entgegenzukommen. Er lernte mit den politischen Restriktionen - der Verpflichtung auf Überparteilichkeit und der Zensur, die der Aktualisierung entgegenstanden -, umgehen. Er begann die Überparteilichkeit im Sinne von Ausgewogenheit zu interpretieren. Gegen einen unfruchtbaren "Ätherkrieg" wurden internationale Regelungen vereinbart und der internationale Programmaustausch organisiert. Als Propagandamittel, schon in der Weimarer Republik partiell als solches genutzt, mißbrauchten erst die Nationalsozialisten das erste moderne Massenmedium. Allerdings mußten die Machthaber lernen, daß sich diese Funktion nur unter Berücksichtigung der Hörerbedürfnisse realisieren läßt, d. h. die politische Einflußnahme immer nur Nebenprodukt der Befriedigung der Hörererwartungen an das Medium sein kann. Als genuine Funktionen des Mediums hatten sich aktuelle Information und Unterhaltung herauskristallisiert. Während es dem nationalsozialistischen Hörfunk gelang, mit seinen Unterhaltungssendungen ein integratives Medienangebot zu entwickeln, das seine völkisch-rassistische Volksgemeinschaftsideologie mit transportierte, versagte er bei der Wahrnehmung der Informationsfunktion. Hier rächte sich ein Verständnis von Politik als bloßer Selbstinszenierung, das eine den eigenen Zielen entgegenstehenden Realität nur verleugnen kann. Gegenüber der grenzüberschreitenden Funktion der Mediums war die Nazidiktatur machtlos, denn selbst drakonische Strafen bis hin zur Todesstrafe hielten die Menschen nicht davon ab, im Krieg "Feindsender" zu hören.
Der Rundfunk nach dem Krieg griff, verstärkt durch das Interesse der Besatzungsmächte an Umerziehung der Deutschen, Traditionen aus der Weimarer Republik wieder auf. Der Rundfunk wurde wieder zum Bildungsmittel. Das nunmehr staatsfern konzipierte Medium konnte sich als politisch-aktuelles zuallererst voll entfalten. Der Ausbau des UKW-Netzes ermöglichte, Bildungs- und Unterhaltungsbedürfnisse gleichrangig zu bedienen, indem sukzessive jede der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zwei Programme - ein schwereres und ein leichteres - veranstaltete. Ab Ende der 50er Jahre erzwang die Ausbreitung des Fernsehen, das das Radio als Leitmedium ablöste, einen entscheidenden Funktionswandel. Da das Radio vom Fernsehen zunehmend aus der vormaligen abendlichen Abhörzeit zwischen 19:00 und 22:00 Uhr auf den Tag verdrängt wurde, entwickelte es sich vom Freizeitmedium, dem man vorwiegend zuhörte, zum Begleitmedium, das man überwiegend nebenbei hört. Die Folgen fürs Programm (nach Henning Wicht): Aktualisierung, Typisierung (unverwechselbarer Charakter für jedes Programm), Personalisierung Moderatoren, Diskjockeys u. a.) und Spezialisierung, d. h. Ausbau der Service-Sendungen. Die Anpassung an die neue Realität führte in den 70er Jahren zu einer Renaissance des Hörfunks, nicht zuletzt auch durch die Einführung der Stereophonie auf UKW. Weitere Programmentwicklungen, allen voran der seit den 70er Jahren in den Servicewellen ausgebaute Verkehrsfunk, und die Regionalisierung des Hörfunks führen zu einer stabilen Hörerakzeptanz. Die Einführung dritter und vierter Programme ermöglichte, immer mehr und damit auch immer kleinere Hörergruppen parallel statt wie anfänglich nacheinander zu bedienen. Der Auf- und Ausbau des "dualen" Systems, d. h. die Zulassung privaten Hörfunks, beschleunigt diesen Prozeß der Programmvermehrung für gezielt ausgewählte Hörergruppen. Die Programme der Privatsender lehnten sich teilweise an erfolgreiche öffentlich-rechtliche Konzepte an, teilweise adaptierten sie das amerikanische Konzept des Format-Radios. Aufgrund der Finanzierung durch Werbeeinnahmen entwickelte sich das in den USA beliebteste Format, für Hörer zwischen 14 bzw. 25 und 49 Jahren, zum auch in der Bundesrepublik erfolgträchtigsten, was die Programmvielfalt wieder einengt. Radio, als inzwischen unentbehrlicher Begleiter im Alltag, ist so ubiquitär, dass es fast jenseits der Wahrnehmungsschwelle liegt. In jüngster Zeit gibt es allerdings Versuche, es über gezielte Programmankündigungen seiner kulturellen Sendungen wieder in das Bewußtsein der Öffentlichkeit zu bringen. Renate Schumacher |
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