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Alle Artikel dieser Epoche

1919
Mutter Ey und das "Junge Rheinland"

"Großes Ey, wir loben Dich, Ey, wir preisen Deine Stärke. / Vor Dir neigt das Rheinland sich/ Und kauft gern und billig Deine Werke!" telegrafierte Max Ernst Johanna Ey anläßlich ihres 65. Geburtstages 1929.

Die Ey, das Ey, Düsseldorfer Kunsthändlerin, rebellische Kämpferin und Altstadtlegende. Galerie und Kaffeestube. Treffpunkt für Maler und Schriftsteller. Musentempel der rheinischen Avantgarde, des "Jungen Rheinlands". Kommunikations- und Ausstellungsort und oft genug einfach Aussicht auf einen warmen Teller und dampfenden Kaffee. Johanna Ey war ein Kind des Volkes, gesegnet mit einem intuitiven und genialen Gespür für Kunst.

 
Bild von Mutter Ey an einer Häuserfassade in Düsseldorf
 

Heute wird von Johanna Ey oft als "Mutter Ey" gesprochen, doch für die Künstler, wie auch sie selbst war sie immer schlicht "Die Ey". Geboren am 4. März 1864 als jüngste Tochter eines Tagelöhners in Wickrath bei Mönchengladbach trug sie, wie Anna Klapheck es beschreibt, bis zu ihrem 14. Lebensjahr "die schweren Holzschuhe der niederrheinischen Bauern". Über 20 Jahre dauerte ihre "sehr traurige Ehe", in der sie zwölf Kinder gebar, von denen acht verstarben. Erst nach ihrer Scheidung tritt Johanna Ey 1910, in Düsseldorf in Erscheinung. Um ihr Auskommen zu sichern, erwarb sie am Rande der Altstadt, in der Ratinger Straße 45, eine Bäckereifiliale. Kuchen für fünf Pfennig, Kaffee für zehn, das sprach sich schnell an der nahen Kunstakademie herum. Immer mehr Künstler kamen, "besonders da bekannt wurde, daß er eine oder andere pumpen konnte" erinnert sich die Ey in ihren Memoiren. Manchmal nahm sie auch Bilder in Zahlung. Die Kaffeestube wurde zum Treffpunkt auch für Schauspieler, Journalisten, Opernsänger, kurz die Düsseldorfer Boheme. Neugierig und an Menschen interessiert hatte Johanna Ey immer ein offenes Ohr. Auch der Zugang zu den Bildern führte bei ihr immer über die Person, den Künstler.


Mit Beginn des Krieges 1914 kam der Einbruch. Der Laden wurde geschlossen, Ey nahm eine Arbeit in einer Militärbekleidungsstelle an. In der Not begann sie einige ihrer Bilder zu veräußern. Durch ihre Beziehung zu dem Bildrestaurator Spinrath und einigen Akademieprofessoren entwickelte sich langsam ihr Kunsthandel mit Bildern der konservativen, akademischen "Düsseldorfer Schule". 1916, noch während des Krieges, bezog sie Räume am Hindenburgwall 11. Doch erst mit dem Erscheinen von Otto Pankok und Gert Wollheim setzte die "stürmische Zeit" ein.

"Junge Kunst - Frau Ey" so der programmatische Name der Galerie, die zum Mittelpunkt der Künstlergruppe das "Junge Rheinland" wurde. In dem hinteren Zimmer, dem Ort der produktiven Unruhe, wurden hitzige Wortgefechte ausgetragen, Programme geschmiedet, Provokationen ausgeheckt, in chaotischer Aufbruchsstimmung gearbeitet, gezeichnet, gemalt. Die Galerie war das Forum der progressiven Künstler und ihren Kampf gegen den etablierten Kunstbetrieb. Otto Dix, Arthur Kaufmann, Peter Ludwigs, Matthias Barz, Hermann Hundt, Adalbert Trillhase, Paul Westheim, Karl Schwesig, Adolf Uzarski, Fritz Feigler, Robert Pudlich, Bruno Goller, Franz Monjau, Jankel Adler, Walter Ophey, Jupp Rübsam und nicht zuletzt Max Ernst um nur einige aus dem Ey-Kreis zu nennen. Ende der 20er Jahre wird die Atmosphäre ruhiger, gesetzter, viele Weggefährten verlassen Düsseldorf, jüngere Künstler rücken nach.
Mit der Weltwirtschaftskrise beginnt der Niedergang. Der Verkauf stockt, selbst für die Strom- und Wasserrechnungen reicht es nicht. Nach zwei Spanienreisen ziehen neue Sorgen auf. Ihre Galerie wird verfemt und immer wieder finden sich Boykottzettel an ihren Schaufenstern. Resigniert gibt sie im April 1934 unter dem nationalsozialistischen Druck ihre Galerie auf. Viele der Bilder, für die sie gekämpft hat, wurden 1938 noch einmal zusammen in der Schau "Entartete Kunst" in Düsseldorf gezeigt. Doch Johanna Ey ging nicht hin, zu lieb waren ihr die damit verknüpften Erinnerungen. Ohnmächtig muß sie dem Verlust ihrer Freunde zusehen, die ihren Widerstand gegen das Naziregime mit der Vernichtung ihrer Werke, Verfolgung, Folter, Exil oder Tod zollten. "Ich fühle mich tatsächlich alt werden. Die Lebendigkeit und der Kampf fehlt und all die Menschen, die es wert waren, das man den Kampf führte" heißt es in einem Brief von 1937. Nach dem Krieg bemüht man sich um einen Neubeginn. Doch weder die verlorenen Freunde, noch der Geist der 20er Jahre lassen sich wiederbeleben. Am 27. August 1947 verstirbt "Mutter Ey".

Uta Schabrod

Literatur:
Anna Klapheck: "Mutter Ey. Eine Düsseldorfer Künstlerlegende", Düsseldorf 1978

     
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