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4. Oktober 1539
Anna von Kleve - Königin von England für sechs Monate

 
 
Anna von Kleve. Gemälde des englische Hofmaler Hans Holbein d. J., 1539.

Kurze Zeit nach dem Ableben von Jane Seymour, der dritten Ehefrau König Heinrichs VIII. von England, machte sich der leitende englische Minister Thomas Cromwell auf die Suche nach einer neuen Bettgefährtin für den König. Dies geschah zu einem Zeitpunkt, als die äußere Sicherheit des protestantischen England durch die beiden katholischen Großmächte in Europa, Frankreich und das Heilige Römische Reich, ernsthaft bedroht schien. König Heinrich VIII. suchte daher nach Bündnispartnern unter den protestantischen Gegnern des Heiligen Römischen Reichs. Die Wahl fiel schließlich auf das Haus Kleve-Jülich-Berg-Ravensberg-Mark, dem damals bedeutendsten zusammenhängenden Territorium in Nordwestdeutschland, das auch als führende protestantische Macht angesehen wurde. Aber auch Herzog Wilhelm V. von Kleve, gen. der Reiche (1539-1592), war an einem starken Verbündeten interessiert, den er für seinen Kampf um das Herzogtum Geldern, das ihm von Karl V. streitig gemacht wurde, wünschte. Die Ehe von Wilhelms V. jüngerer Schwester, Anna, mit König Heinrich VIII. war daher eine der damals in Adelskreise üblichen rein (macht-) politischen Verbindungen. So hatte man Annas Schwester Sybilla schon als Vierzehnjährige mit dem Kurfürsten Johann Friedrich I. von Sachsen verheiratet. Für die 1515 als zweite Tochter des Herzogs Johann III. (1521-1539) und Maria von Berg geborene Anna waren bereits 1526 Verhandlungen wegen einer Ehe mit Franz von Lothringen geführt worden, die am 5. Juni 1527 mit einen förmlichen Ehevertrag endeten. Doch ist die Ehe nie vollzogen worden. Ob der Vertrag rechtsgültig aufgelöst worden war, ließ sich später nicht mehr eindeutig feststellen. Der Heiratsvertrag zwischen Heinrich VIII. und Anna von Kleve wurde schließlich am 4. Oktober 1539 unterzeichnet.

Doch Anna war auf ihre Aufgabe als zukünftige Königin von England denkbar schlecht vorbereitet worden. Mit Nadel und Faden konnte sie zwar umgehen, Lesen, Schreiben und die Schönen Künste hatten in ihrer Ausbildung jedoch eine recht geringe Rolle gespielt. Außerdem konnte sie weder singen noch ein Instrument spielen und stand somit im krassen Gegensatz zu ihren direkten Vorgängerinnen als englische Königinnen und auch zu der am englischen Hof damals gepflegten Kultur. Auch beherrschte sie keine einzige Fremdsprache und sprach folglich kein Wort Englisch. Im Auftrag König Heinrichs VIII. hatte der englische Hofmaler Hans Holbein d. J. 1539 aber von ihr offenbar ein recht schmeichelhaftes Bildnis angefertigt. Außerdem wurde Anna von den englischen Abgesandten nach ihrer Rückkehr vom klevischen Hof in Düsseldorf gegenüber dem König in jeder Hinsicht und in den höchsten Tönen gelobt.

Heinrich VIII. war daher voll freudiger Erwartung, seine so gepriesene Braut endlich in Empfang nehmen zu können. Die Begegnung fand am Neujahrstag 1540 im Palast des Bischofs von Rochester statt und nahm einen seltsamen Verlauf. Da die Braut kein Wort Englisch sprach, konnte sie auch außer den vorgegebenen Höflichkeiten nichts zur Unterhaltung beitragen. Vielmehr machte sie den Eindruck, dass sie sich langweile. Sie wandte sich daher nach Absolvierung des Begrüßungszermoniells auch sogleich wieder ihrer vorherigen Tätigkeit zu, nämlich aus dem Fenster zu blicken und der Bullenhetze zuzusehen, die draußen als Publikumssport zu Neujahr stattfand. Jedenfalls schien der König schon bei dieser Gelegenheit seine Meinung über Anna gefasst zu haben: "Ich mag sie nicht", war sein Kommentar.

Heinrich war von Annas äußerer Reizlosigkeit sehr enttäuscht. Ob er sie tatsächlich als "flandrische Mähre" bezeichnet hat, ist nicht belegt. Jedenfalls lässt diese Bezeichnung darauf schließen, dass zwischen englischer und klevischer Auffassung bezüglich modischer Eleganz und Schönheit Welten lagen. Der französische Botschafter berichtete seinerzeit, selbst wenn die Dame hübsch gewesen wäre, sei sie durch ihre Kleidung hässlich gemacht worden. Der König veranlasste daher auch unverzüglich, sie nach französischer Mode zu kleiden. Ob Anna nun wirklich so hässlich war, wie sie beschrieben wurde, ist umstritten. Wahrscheinlich war ihre Haut auf Grund der Seereise gebräunt, was der damaligen Auffassung von vornehmer Blässe widersprach. Außerdem soll ihr Gesicht durch Pockennarben entstellt gewesen sein, was auf den Porträts natürlich weggelassen wurde. Heinrich war jedenfalls von Anfang an gegen die Hochzeit eingestellt. Warum sie trotzdem am Dreikönigstag (6. Januar) 1540 stattfand, ist nicht nachvollziehbar. Heinrich selbst begründete die Eheschließung damit, dass er Furcht habe, Annas Bruder in die Hände des deutschen Kaisers und Königs von Frankreich zu treiben. Wie Heinrich auf Anna gewirkt hat, ist niemals gefragt worden und daher auch nicht bekannt.

 
 
Heiratsurkunde Heinrich VIII. von England und Anna von Kleve vom 5. Januar 1540. Schmuckinitiale H. mit dem thronenden König.

Doch der König wollte bald wieder von ihr befreit werden, zumal auch die politischen Gründe für die Hochzeit, die Bedrohungen Englands durch den Kaiser und französischen König, inzwischen nicht mehr bestanden. Anfang Juli 1540 wurde Anna mit dem Argument, sie vor der Pest in London in Sicherheit bringen zu wollen, nach Richmond geschickt. Inzwischen hatte sich der König nämlich in die 18-jährige Catherine Howard verliebt. Er trieb die Ehescheidung jetzt voran und suchte Gründe zu finden, um eine Annullierung der Ehe zu erreichen. Als solche wurden der mit Franz von Lothringen geschlossene voreheliche Vertrag und die Nichtvollziehung der Ehe zwischen Heinrich und Anna vorgebracht. Anna bestätigte das Letztere auch. Ihren Hofdamen gegenüber äußerte sie nämlich: "Wenn er [der König] ins Bett geht, küsst er mich und nimmt mich bei der Hand und wünscht mit "Gute Nacht", Liebling, und am Morgen küsst er mich und wünscht mir "Lebwohl, Schatz. Genügt das nicht?" Trotzdem ging kurzfristig das Gerücht um, sie sei schwanger.

Anna stimmte einer Ehescheidung sofort zu. In ihrer Antwort führte sie aus, dass sie alles wolle, was dem König gefalle. Offensichtlich war sie froh, dass nicht ihr Kopf zur Disposition stand wie im Fall ihrer Vor-Vorgängerin (und auch ihrer Nachfolgerin) als Ehefrau Heinrichs VIII. Bereits am 7. Juli 1540 wurde die Scheidung ausgesprochen. Der König, sicherlich angetan von dem unproblematischen und schnellen Ende der Angelegenheit, war recht großzügig mit ihrer Abfindung und billigte ihr eine angemessene Hofhaltung in Richmond House und Bletchingley zu. Den Titel "Königin von England" durfte sie allerdings nicht mehr führen. Stattdessen erhielt sie den offiziellen Titel "Schwester des Königs von Englands" verliehen. Anna hat ihren geschiedenen Gatten um ein Jahrzehnt überlebt. Nach ihrem Tod am 28. Juli 1557 wurde sie in einer Kapelle in der Westminster Abtei in London bestattet, wo sich ihr Grabmal noch heute befindet.

Margrit Sollbach-Papeler

Literatur:
Fraser, Antonia. The Six Wives of Henry VIII. London, 1992 (dt.: Die sechs Frauen Heinrichs VIII., München 1996 Heinrich VIII. von England in Augenzeugenberichten. Hrsg. v. Eberhard Jacobs und Eva de Vitray, München 1980.
Smit, Emile und Zweers, Jan. Der Erwerb Gelderns als Beweggrund für die Heirat zwischen Anna von Kleve und Heinrich VIII. von England. In: Land im Mittelpunkt der Mächte. Die Herzogtümer Jülich-Kleve-Berg. Ausstellungskatolog. 2. Aufl. Kleve 1988, S. 147-152.

     
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