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1815
Die 1815 geschaffene Provinz, auf die sich der Begriff Westfalen heute reduziert, ist bekanntlich ein Ergebnis des Wiener Kongresses. Aus nicht weniger als zwanzig durch Geschichte, Konfession, soziale und wirtschaftliche Strukturen getrennten Territorien oder Teilgebiete wurde sie künstlich zusammengefügt. Nennenswerte Eigenkräfte hat die Region dabei nicht entwickelt. Sie war vielmehr tief gespalten und im kleinen ein Abbild der vielfachen Zerrissenheit des preußischen Staates. Es geriet der Provinz deshalb von größtem Vorteil, dass mit dem Freiherrn Ludwig Vincke ein Mann an ihre Spitze trat, der mit ihren Verhältnissen in jeder Beziehung vertraut war. 1774 in Minden geboren, stand er seit 1795 mit kurzen Unterbrechungen im preußischen Staatsdienst, als Landrat in Minden, als Präsident der Kriegs- und Domänenkammern in Münster und Hamm, ab 1813 dann als Zivilgouverneur und schließlich als Oberpräsident. Anfangs war er freilich weder mit dem Umfang der Provinz noch mit den ihm zugestandenen Kompetenzen zufrieden. Er verlangte für den Oberpräsidenten grössere Unabhänigkeit gegenüber der Zentrale, stellte seine Bedenken aber schließlich zurück und gab dem Amt mehr Bedeutung, als ihm ursprünglich zugedacht war. Vincke war zweifellos einer der profiliertesten Oberpräsidenten des Vormärz und zudem einer der wenigen Wirtschaftsfachleute unter den Spitzen der preußischen Verwaltung. Im Kreis der Reformer um den Freiherrn vom Stein hatte er 1808 Gelegenheit gehabt, eigene Perspektiven zur Regeneration des Preußischen Staates zu entwickeln. Dabei war er wie Stein und Hardenberg durch die Existenzkrise Preußens zu der Einsicht gekommen, dass die aktive Teilnahme der Bürger am politischen Geschehen, dass Meinungs- und Pressefreiheit notwendige Bedingungen für das Funktionieren des modernen Staates waren. Eine nach Grundsätzen der Selbstverwaltung reformierte Verwaltung sollte durch eine konstitutionelle Verfassung gekrönt werden. So oft hat Vincke in Berlin an die versprochene Einführung eines allgemeinen Landtags erinnert, dass man dort an seiner politischen Zuverlässigkeit zu zweifeln begann. Mit Theodor von Schoen, Sack, Ingersleben gehörte Vincke zu jener Garde von Verwaltungsbeamten, denen Preußen seine wahre Grösse verdankte. Sein eigenes Lebenswerk aber galt der Provinz Westfalen, dem Ausgleich ihrer inneren Gegensätze, ihrer Integration in den preußischen Staat und nicht zuletzt der Suche nach einem tragfähigen Kompromiß zwischen Reform- und Integrationspolitik. Bis ins hohe Alter war er in allen Teilen der Provinz unterwegs, um sich an Ort und Stelle selber ein Bild von den jeweiligen Verhältnissen zu machen, " ein reisender Mann, kein schreibender Beamter", wie er es sein wollte, so hat sich sein Bild gefestigt. Er habe, sagte er einmal von sich, im Blick auf seine Amtspflichten, Müßiggang vermieden, keine Zeit für Zerstreuung verschwendet, soweit der Anstand es nicht erforderte. Es passt in dieses Bild, dass er 1844 nach einem Schlaganfall auf einer Dienstreise starb. Um die neuen Gebiete an den Staat heranzuführen, wollte Vincke die Bezirksregierungen dorthin, nach Münster, Paperborn und Arnsberg, verlegen. Bereits 1815 plädierte er für die Einführung von Provinzialvertretungen nicht nur, weil aus ihr ein allgemeiner Landtag hervorgehen sollte, sondern auch, weil sie ihm besonders geeignet erschien, die neue Provinz zu einigen. Mit dem rechten Sinn für Symbolik schuf er 1815 anläßlich der Huldigung eigenmächtig eine Provinzfahne, indem er die Landesfarben Preußens schwarz-weiß mit der grünen Abzeichenfarbe der westfälischen Landwehr zusammenfügte. Gegenüber der Zentrale hat Vincke sich Freimut und Unabhängigkeit im Amt bewahrt. Stets hat er deren Maßnahmen auf ihre Zweckmäßigkeit für seine Provinz geprüft. Vincke hat auch wohl als erster hoher preußischer Beamter die Probleme gesehen, die dem protestantischen preußischen Staat durch den Zuwachs eines starken Anteils katholischer Bevölkerung in den westlichen Landesteilen entstanden. Bereits 1816 hat er das Staatsministerium auf die Disparität in der Besetzung der höheren Stellen in Justiz und Verwaltung hingewiesen. Wiederholt ist er für die Gleichbehandlung von Katholiken und Protestanten eingetreten. Seine religiöse Offenheit korrespondierte mit einer gewissen "Liberalität", die sich in seiner ganzen Amtsführung zeigte. Die Notjahre 1816 und 1817 hatten gezeigt, wie schwer es den Gemeinden war, Kredite zu beschaffen. Ebenso mangelte es an Krediten für Investoren in Landwirtschaft in Landwirtschaft und Industrie. Vincke schlug deshalb vor, mit den 160.000 Talern, welche die Provinz als Entschädigungsgelder für Truppenmärsche 1813/14 erhalten sollte eine Provinzial-Hilfskasse einzurichten. Oberstes Prinzip sollte dabei sein, das Kredite nur für gemeinnützige Unternehmungen vergeben wurden. 17 Jahre nach seinem ersten Entwurf konnte die Hilfskasse ihre Tätigkeit 1835 mit einem durch Zinsen auf 310.000 Taler angewachsenen Kapital aufnehmen. Wegen der Vergabebedingungen konnte diese Hilfskasse jedoch in Gegenden mit stark verschuldeten Kleinbauern nur wenig bewirken. Deshalb wurde wiederum mit Unterstützung Vinckes 1834 für vier Landkreise die "Paderborner Tilgungskasse" gegründet, um die Bauern dort bei der Ablösung der gutsherrlichen Ansprüche zu unterstützen. Dem gleichen Zweck sollte auch der "Paderborner Meliorationsfonds" dienen, der Darlehen für Kulturverbesserungen und den Ankauf von Zuchtvieh vergab, um die Bauern von den oftmals überzogenen Zinssätzen privater Kreditgeber unabhänig zu machen. 1839 schließlich wurde ein Provinzialfonds zur Förderung landwirtschaftlicher Verbesserungen ins Leben gerufen. Vincke machte die Domäne Dalheim zu einem Mustergut, ließ Versuche mit Pflanzen und Maschinen anstellen und regte Meliorationsvorhaben an. Als der General von Thielemann die Errichtung eines Landesgestüts empfahl, machte sich Vincke diesen Vorschlag zu eigen und beantragte 1816 ein Landgestüt für Westfalen, das zehn Jahre später dann in Warendorf eingerichtet wurde. Mit der Förderung der landwirtschaftlichen Vereine als Multiplikatoren landwirtschaftlichen Fortschritts griff Vincke Gedanken Albrecht Thaers auf. 1844 stand Westfalen mit 43 Vereinen an der Spitze aller preußischen Provinzen. Sie wurden zusammengefaßt zu Kreisvereinen und zu einem Provinzialverein, aus dem später die Landwirtschafskammer hervorging. Die Verbesserung des Verkehrswesens hat er als wichtigste Aufgabe angesehen, nicht nur aus allgemein-wirtschaftlichen, sondern auch aus strategischen Gründen, um die neuen Landesteile mit den alten zu verbinden. Ganz das Werk Vinckes war der Ausbau des Hafens Ruhrort, der als Umschlagplatz wie als Industriestandort Bedeutung gewann. Als einer von wenigen preußischen Beamten trat Vincke für Zölle zum Schutz der einheimischen Wirtschaft und Industrie ein. Bei der Agrargesetzgebung, deren Durchführung in Teilen ihm seit 1825 mit der Generalkommission zur Regulierung der gutsherrlichen und bäuerlichen Verhältnisse oblag, bei der Gemeinheitsteilung und bei der Teilung der Koppeljagden hat er fast immer auf der Seite der Bauern gegen adelige Grundbesitzer und Ministerien gestanden. In einem Gutachten sprach er sich 1824 entschieden für eine Höfeschutzpolitik und gegen eine unbeschränkte Teilung der Höfe aus, um den Bauernstand vor Überschuldung zu schützen. Ein entsprechendes Gesetz stieß aber auf so starke Ablehnung des Kleinbauern, dass es 1848 wieder aufgehoben wurde. Aus bisher acht regionalen Feuerversicherungen für Immobilien wurde auf Vinckes Drängen 1836 eine einheitliche leistungsfähige Versicherungsanstalt für die ganze Provinz geschaffen. Die Reichweite seiner Einwirkung im traditionell bestimmten Sektor sozialer Betätigung auf örtlicher Ebene ist kaum zu ermessen. Nachdem der Innenminister die Einrichtung einer Armen- und Korrektionsanstalt in jeder Provinz verfügt hatte, sorgte Vincke dafür, dass das Kloster Benninghausen entsprechend hergerichtet und 1821 von den Provinzialständen übernommen wurde. Die im gleichen Jahr eröffnete Taubstummenanstalt im Kloster Kentrop bei Hamm und die 1829 in Marsberg eingerichtete Irrenanstalt gehen auf Bemühungen Vinckes zurück. Für seine Tätigkeit im Interesse westfälischer Fürsorge-Institutionen wären weitere Beispiele zu nennen. Die letzte von ihm unterstützte Anstalt war die später nach ihm benannte "Vinckesche-Provinzial-Blindenanstalt" in Paderborn. Zur Lösung sozialer Fragen wollte er mit Arbeitsbeschaffung durch Straßenbau und Einrichtung von Sparkassen mit Zwangseinlagen zur Sicherung im Krankheitsfall beitragen, ein Vorschlag der fast schon auf Bismarcks Sozialversicherung hinweist. Ein Mittel zur Integration war ihm die Pflege von Geschichte und Kultur. Die Neuorganisation des westfälischen Archivwesens hat er zwar nicht angeregt, aber doch entscheidend beeinflußt. Nachdem in Paderborn aus privater Initiative ein "Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens" entstanden war, sorgte er dafür, dass 1825 in Münster in seiner Anwesenheit eine Schwestergesellschaft gegründet wurde. Manches was Vincke anregte, blieb Plan und Absicht. Dennoch hat sein Wirken bis heute sichtbare Spuren hinterlassen. Dazu gehören nicht nur die Bezirksregierung in Arnsberg und die bei Fußballvereinen und studentischen Verbindungen fortlebenden Farben schwarz-weiß-grün, sondern auch die Kliniken für Psychatrie, die Provinzialversicherung und als Nachfolgerin der Provinzial-Hilfskasse die Westdeutsche Landesbank. Hans-Joachim Behr Literatur: |
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