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27. September 1940
"Umquartiert in die Kriegsheimat" - Aus dem Revier kinderlandverschickt.
Ruhrgebiet vor allem betroffen.

   
Mit diesem Plakat, wurde Anfang 1944 in den Ruhrgebietsstädten für die Verschickung der Kinder durch die KVL geworben.

Zu den Erscheinungen des Zweiten Weltkriegs im rheinisch-westfälischen Industriegebiet gehörte auch die massenweise Evakuierung von Kindern zum Teil mit ihren Müttern im Rahmen der erweiterten Kinderlandverschickung (kurz KLV genannt). Bis Kriegsende entwickelte sie sich zur bisher größten Binnenwanderung der Geschichte.

Die am 27. September 1940 durch einen "Führerbefehl" Adolf Hitlers angeordnete "Landverschickung" der Kinder und Jugendlichen aus den luftkriegsgefährdeten Gebieten in andere, ruhigere, meist ländliche Gegenden war zwar nur eine Fußnote in dem großen Weltkriegsgeschehen. Für die damals in KLV-Lager Verschickte ist sie aber das Kriegserlebnis gewesen, das zudem viele für ihr ganzes Leben geprägt hat. Betroffen von der KLV-Aktion im Zweiten Weltkrieg war vor allem das als stark urbanisierte Region und als "Waffenschmiede" des Deutschen Reichs von den Alliierten massiv bombardierte Ruhrgebiet. Allerdings gibt es keine genauen und gesicherten Zahlen über den Umfang der KLV im Zweiten Weltkrieg.

Zeitgenössische Angaben vom Beginn des Jahres 1943 besagen, dass sich zu diesem Zeitpunkt im Gau Westfalen-Süd (er entsprach räumlich in etwa dem Regierungsbezirk Arnsberg) bereits über 250.000 Mädchen und Jungen im Alter von 10 bis 14 Jahren in der KLV befanden. Etwa noch einmal die gleiche Anzahl dürfte im Rahmen der Schulverlegungen ab dem Frühjahr/Sommer 1943 aus dem Ruhrgebiet verschickt worden sein. In der ersten, von Anfang 1941 bis zum Frühjahr/Sommer 1943 reichenden Phase, erfolgte die Teilnahme an der KLV nicht nur in der Theorie, sondern weitgehend auch in der Praxis auf Grund freiwilliger (Einzel-)Meldung. Ab dem Frühjahr/Sommer 1943 wurde als Reaktion auf die immer verheerender werdenden alliierten Bombenangriffe insbesondere im Ruhrgebiet in den als hochgradig luftkriegsgefährdet eingestuften Städten die Evakuierung sämtlicher allgemein bildender Schulen in die zugewiesenen Aufnahmegaue verfügt.

Die ersten Ruhrgebietsstädte, in denen eine solche totale Schulevakuierung erfolgte, waren Bochum, Dortmund, Castrop-Rauxel, Hagen, Herne, Wanne-Eickel, Wattenscheid und Witten.

 
Auf einem Bahnsteig im Hauptbahnhof von Gelsenkirchen wartete 1941 eine Gruppe von Schulkindern auf die Ankunft des KLV-Sonderzugs.
 
   
 
Verabschiedung eines KLV-Sonderzugs auf dem Hauptbahnhof/Güterbahnhof in Bochum im April 1943.
 

Elternwiderstand
Allerdings sind in den von einer allgemeinen Schulevakuierung betroffenen Ruhrgebietsstädten seinerzeit keineswegs alle Schulkinder evakuiert worden. Von einem Großteil der Eltern wurden damals die Kinder lieber bei tatsächlichen oder angeblichen Verwandten in anderen, nicht luftkriegsgefährdeten Gegenden untergebracht. Doch hat darüber hinaus eine beträchtlichen Zahl von Eltern ihre schulpflichtigen Kinder in glatter Missachtung des Evakuierungsbefehls zu Hause behalten. In Bochum z. B., immerhin der Gauhauptstadt des Gaus Westfalen-Süd, sind nach der Durchführung der Schulevakuierung im Sommer 1943 und trotz massiven Drucks und Repressalien der Behörden und Parteistellen und auch ungeachtet der Tatsache, dass nach der Schulverlegung in den betreffenden Städten auf Grund eines Erlasses des Reichserziehungsministers kein Schulunterricht mehr stattfand, rd. 6.000 Schulkinder bis zum Kriegsende in der Stadt verblieben.

KLV-Erfahrung
Das unmittelbare Ergebnis der KLV-Maßnahme war, dass mehrere hunderttausend Kinder und Jugendliche einerseits aus ihrer vertrauten Umgebung herausgerissen und vom Elternhaus gelöst, andererseits aber auch aus den (Groß-)Städten mit ihren sich häufenden Luftalarmen und den immer schwerer werdenden Bombenangriffen herausgebracht wurden. In den neuen Aufnahmeorten konnten sie vielfach bis gegen Ende des Krieges verhältnismäßig ruhig und sicher leben und blieben so vor noch größeren psychischen und physischen Schäden bewahrt. Ein ehemaliger Schüler der Hauptschule in Wanne-Eickel, der als Zehnjähriger im Sommer 1943 mit seiner Schule nach Stolp in Pommern kam und Anfang März 1945 die dramatische Flucht über die Ostsee auf einem Frachter mitmachte, spricht für zahlreiche Verschickte. Er erklärte im März 2000: "Für mich persönlich kann ich heute sagen: Außer der Flucht aus Pommern war es eine schöne Zeit, an die ich mich gerne zurückerinnere" (Horst Schade, Herne). Eine als Siebenjährige ebenfalls aus Wanne-Eickel im Sommer 1943 in das Dorf Karlkow verschickte und erst Anfang 1945 nach Hause zurückgekommen Zeitzeugin urteilte im Frühjahr 2000 dagegen über ihren KLV-Aufenthalt: "Ich habe eine lange Zeit ohne Liebe, Zuwendung und Förderung in einer besonders wichtigen Lebensphase gehabt" (Ursula Kuhlmann, Herne).

Flucht nach Hause
Die aus dem Ruhrgebiet im Rahmen der KLV vor allem in die östlichen (Reichs-)Gebiete evakuierten Kinder und Mütter (im Sommer 1943 war z. B. Pommern als Aufnahmegebiet für den Gau Westfalen-Süd bestimmt worden) haben hier aber häufig noch ein schreckliches Ende der KLV erlebt, da von den zuständigen Stellen trotz des bedrohlichen Näherrückens der Ostfront kein geordneter und rechtzeitiger Rücktransport der Evakuierten nach Westen veranlasst wurde. Nicht selten ist ein solcher sogar ausdrücklich untersagt worden. Infolgedessen sahen sich die dort evakuierten Lehrer-Lagerleiter, Kinder und Mütter genötigt, vielfach auf eigene Faust und unter hohem persönlichem Risiko die überstürzte Flucht vor den vorrückenden sowjetischen Truppen zu unternehmen. Nicht allen gelang es, rechtzeitig zu fliehen; doch viele - aber nicht alle - sind heil wieder nach Hause gelangt. Ihre Fluchtgeschichte beinhaltet häufig erschütternde persönliche Schicksale.

 
 
Umhängekarte des 11-jährigen Volksschülers Heinz Carow aus Witten für die Fahrt mit dem KLV-Sonderzug am 22. Januar 1941 nach Süddeutschland, Vorder- und Rückseite.

So wurde der in Köslin in Pommern evakuierten Bochumer Hildegardis-Oberschule für Mädchen Anfang 1945 nicht nur das Gesuch wegen Heimbeförderung von der zuständigen Gauleitung in Stettin abgelehnt, sondern eine Rückkehr sogar ausdrücklich verboten. Als die Front bedrohlich nahe gerückt war, brachen gegen Ende Februar 1945 die Lehrkräfte nach und nach eigenmächtig und in eisiger Kälte mit den Mädchen, die ohne Angehörige in Köslin waren, in kleinen Gruppen nach Westfalen auf.

Die einzelnen Gruppen schlugen sich unter Nutzung der sich jeweils bietenden Möglichkeiten durch. Streckenweise fanden die Schülerinnen und ihre Begleiter Mitfahrgelegenheiten auf Wehrmachtslastwagen, andere fuhren in den wenigen und überfüllten Zügen, die noch verkehrten, hart an der Front entlang; einige kamen auch in Lazarettzügen weiter. Alle lebten aber in der ständigen Angst vor Luftangriffen und litten unter der Kälte und dem Hunger. Trotz der vielen Gefahren und Schwierigkeiten gelangten sämtliche Gruppen nach einer zumeist acht bis zehn Tage dauernden Reise wohlbehalten in der Heimat an. Nicht allen im Osten eingerichteten KLV-Lagern gelang es, rechtzeitig vor der sowjetischen Armee zu fliehen. Zu ihnen gehörten die im Rahmen der Schulverlegung im Sommer 1943 aus Herne, Wanne-Eickel (heute Teil von Herne) und Castrop-Rauxel in das damalige Sudetenland verschickten Kinder und Mütter. Sie erlebten das Kriegsende mit all seinen Schrecken und folgenden Gräuel in ihren früheren Evakuierungsorten.

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Formular für die Anmeldung zur Verschickung, 1941.
 

Erst Anfang August 1946 konnten sie nach langwierigen Verhandlungen durch Vermittlung des Britischen Roten Kreuzes auf dem Schienenweg aus dem jetzt wieder zur Tschechoslowakei gehörenden Gebiet wieder in ihre Heimat zurückkehren.

Gerhard E. Sollbach

Literatur:
Dabel, Gerhard: KLV. Die erweiterte Kinder-Land-Verschickung. KLV-Lager 1940-1945. Freiburg 1981.
Kock, Gerhard: "Der Führer sorgt für unsere Kinder..." Die Kinderlandverschickung im Zweiten Weltkrieg. Paderborn u. a. 1997.
Sollbach, Gerhard E.: Heimat ade! Kinderlandverschickung in Hagen 1941-1945. Hagen 1998.











     
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