Die
Ausstellung
 
Home
Führung
Chronik
Konzept
Köpfe
Regionen
Suchen
Feedback
E-Vote
Umfrage

  Epochen
der Zeitreise
  Gesamtindex
  NRW
  Nationalsozialismus
  Weimar
  Wilhelminische Zeit
  Gründerjahre
  Industrialisierung
  Preußenzeit
  Franzosenzeit
  Absolutismus
  Reformation
  Mittelalter
  Vorzeit
  Hilfe
 
Alle Artikel dieser Epoche

13. Mai 1940
Duisburg leidet unter dem ersten Grossbombardement des Krieges

   
Zerstörung in Duisburg.

Die alliierten Bombenangriffe gegen das Deutsche Reich im Zweiten Weltkrieg zählen zu den Kriegsereignissen, mit denen die Zivilbevölkerung an der propagandistisch aufgewerteten "Heimatfront" unmittelbar und nachhaltig konfrontiert wurde. Sie bewirkten einmal tiefgreifende und über Jahre hinweg sichtbare Sachschäden. Dazu kamen die vielfältigen Personenschäden. Etwa 400.000 Menschen kamen im damaligen Deutschen Reich bei Bombenangriffen ums Leben. In der Wahrnehmung des Kriegs durch die Bevölkerung nahm daher der Bombenkrieg eine feste Position als bestimmendes Moment persönlicher Kriegs- und Lebenserfahrungen ein. Denn die Wucht der Luftangriffe traf unterschiedslos: den örtlichen Parteifunktionär der NSDAP ebenso wie "den Mann/die Frau auf der Straße" und den Zwangsarbeiter, der von einer deutschen Besatzung aus seinem Heimatland zum Arbeitseinsatz "ins Reich" verschleppt worden war. Der Verlust von Angehörigen sowie des sozialen und nicht zuletzt auch des heimatlichen Umfeldes charakterisiert diese Erfahrung für den einzelnen. Die Ruinen der deutschen Städte als Sinnbilder des Zusammenbruchs machten die endgültige Niederlage des nationalsozialistischen Regimes sowie der agressiven Kriegspolitik von Adolf Hitler und seiner Parteigänger auch äußerlich sichtbar und unübersehbar.

Die Entwicklung des Luftkriegs gegen das Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalens setzte schon im Ersten Weltkrieg ein. Zwischen 1914 und 1918 entwickelten britische und französische Militärs mehrere Pläne, die Industrie an Rhein und Ruhr durch gezielte Luftangriffe zu schädigen. Hauptangriffsziele sollten dabei die Stahlwerke in Duisburg, Düsseldorf, Essen, Oberhausen, Mülheim, Remscheid, Bochum und Dortmund sowie die Accumulatoren Fabrik in Hagen sein. Der Waffenstillstand im November 1918 verhinderte jedoch eine für das Frühjahr des kommenden Jahres geplante Luftoffensive mit grossen mehrmotorigen Doppeldecker-Bombern. In den 1930er Jahren wurden diese Pläne in Grossbritannien wieder aufgegriffen und bis 1938 ein sogenannter Ruhr-Plan entwickelt.

Nachdem im Winter 1939/40 erkannt worden war, dass zielgenaue Luftangriffe in der Nacht mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden sein würden, wurden im April des Jahres Eisenbahnanlagen und Hydrierwerke für die Treibstoffherstellung zu Hauptangriffszielen erklärt. Mit dieser Direktive eröffnete das britische Bomber Command in der Nacht vom 15. zum 16. Mai 1940 den strategischen Luftkrieg gegen das Deutsche Reich.

Bis Frühjahr 1942 blieben die Sachschäden und Personalverluste im Rhein-Ruhrgebiet, das zu den am häufigsten von Bombenangriffen betroffenen Regionen im Deutschen Reich zählte, im Vergleich zu den "Erfolgen" der deutschen Luftwaffe in England sowie in anderen europäischen Ländern "geringfügig". Auf der Grundlage der sog. "area bombing directive", die am 22. Februar 1942 vom britischen Kriegskabinett verabschiedet worden war, unternahm das Bomber Command zwischen im Frühjahr und Sommer 1942 eine Serie von Flächenangriffen auf Großstädte im Rheinland und Ruhrgebiet. Besonders in den am Rhein, der aus der Luft als Wegmarke gut auszumachen war, gelegenen Städten kam es erstmalig zu grösseren Sachschäden und auch zu hohen Verlusten unter der Bevölkerung.

Den eigentlichen Untergang des Industriegebiets an Rhein und Ruhr leitete jedoch die als "Battle of the Ruhr" in die Kriegsgeschichte eingegangene Luftoffensive ein. In Anlehnung an die vorausgegangenen schweren Luftangriffe auf norditalienische Städte, die bei der dortigen Bevölkerung z. T. zu tumultartigen Unmutsbekundungen gegen das faschistische Regime geführt hatten, erhofften sich Harris und Premierminister Churchill u.a. ähnliche mentale Reaktionen unter der Arbeiterschaft im Rhein-Ruhr-Gebiet. Auch sollten die Flächenangriffe in den Städten an Rhein und Ruhr nachhaltige Industrieschäden sowie ein Verwaltungschaos bewirken. Die britischen Bomberbesatzungen hingegen hatten für diese Region aufgrund der dort konzentrierten Luftverteidigung inzwischen aber die sarkastisch gemeinte Bezeichnung "Happy Valley" ("Glückliches Tal") und den fatalistisch zu verstehenden Namen "Land of no return" ("Land ohne Rückkehr") geprägt. In der sogenannten "Battle of the Ruhr", die sich von Anfang März bis Ende Juli 1943 hinzog, verwandelten die seit Anfang des Jahres mit modernen Radar- und Zielfindungssystemen wie OBOE und dem Panorama-Bordradar H2S ausgerüsteten Maschinen des Bomber Command eine Großstadt nach der anderen an der Ruhr in eine Ruinenlandschaft. Mehr als 18.000 Menschen, darunter auch zahlreiche ausländische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, fanden hierbei den Tod. Andererseits zählten aber auch über 3.000 Besatzungsmitglieder britischer Bomber ebenfalls zu den Todesopfern dieser Luftoffensive gegen das Rhein-Ruhr-Gebiet.

Einen Höhepunkt der alliierten Luftoffensive stellten der 14. und 15. Oktober 1944 dar: die Luftoperation "Hurricane I". Ziel dieser kurzfristig vom alliierten Luftstab vorbereiteten Aktion war eine höchstmögliche Konzentration der Angriffe auf eine Stadtregion, um dort ein Verwaltungs- und Verkehrschaos sowie eine völlige Demoralisierung der Bevölkerung zu bewirken. Zu Hauptangriffszielen der Operation "Hurricane I" wurden Duisburg und Köln bestimmt, die als Knotenpunkte des Eisenbahn- und Binnenschiffahrtsverkehrs eine besondere Priorität besaßen. In den Nachtstunden des 14. und am Vormittag des 15. Oktober 1944 bombardierten insgesamt rd. 1.400 britische Maschinen die Verkehrsanlagen und das Stadtgebiet von Duisburg, dem Verkehrs- und Industriezentrum am Mündungspunkt der Ruhr in den Rhein. Sie lösten binnen weniger Stunden über 9.000 Tonnen Spreng- und Minenbomben über der ohnehin schon schwer angeschlagenen Großstadt und ihrer Bevölkerung aus. Mehr als 2.500 Todesopfer und gewaltige Sachschäden, nicht nur auf den Eisenbahn- und Hafenanlagen, waren für Duisburg die nachhaltigen Folgen dieser konzentrierten Angriffsserie.

Diese Angriffe waren jedoch nur ein Vorspiel für eine jede Vorstellungkraft übersteigende Luftoffensive in den folgenden Wochen. Die Stadt Essen wurde nämlich in der Nacht des 23./24. sowie am 25. Oktober 1944 das Ziel für insgesamt rd. 1.800 Maschinen des Bomber Command. Krupp sollte nach dieser Angriffsserie als Rüstungsbetrieb fast vollständig ausgeschaltet werden, und blieb es auch trotz vielfältiger Wiederaufbaumaßnahmen bis Kriegsende. Aber auch über 1.160 Menschen verloren bei dem "Doppelschlag" auf Essen ihr Leben. In den Abendstunden des 04. November 1944 traf es dann Bochum, wo über 700 schwere Bomber die gesamte Innenstadt und die angrenzenden Vororte in Schutt und Asche legten. Nicht nur der kriegswichtige Bochumer Verein erlitt in den Abendstunden dieses Tages schwere Sachschäden. Viel schlimmer war die Tatsache, daß nicht weniger als 994 Menschen bei diesem Angriff den Tod fanden. Im Oktober und November 1944 unternahm das britische Bomber Command ähnlich schwerwiegende Großangriffe auch auf Düsseldorf und Gelsenkirchen sowie wiederholt auf Köln. Hinzu kamen schwere britische Tag- und Nachtangriffe auf weitere Städte des Rhein-Ruhr-Gebiets. Damit war der endgültige Zusammenbruch der Ruhrindustrie und des Gemeinwesens in dieser Regionen praktisch vorgezeichnet.

Ralf Blank
(Historisches Centrum Hagen)

Website "Battle of the Ruhr"
http://www.hco.hagen.de/ruhr/

Literatur:
Borsdorf, Ulrich / Jamin, Mathilde(Hg.): Überleben im Krieg. Kriegserfahrungen in einer Industrieregion 1939-1945. Hamburg 1989.
Freeman, Roger A.: Mighty Eighth War Diary. London 1981.
Middlebrook, Martin / Everitt, Chris: The Bomber Command War Diaries. Middlesex 1985.
Mierzejewski, Alfred C.: Bomben auf die Reichsbahn. Der Zusammenbruch der deutschen Kriegswirtschaft 1944-1945. Freiburg 1993.
Sollbach, Gerhard (Hg.): Dortmund 1939 - 1948. Bombenkrieg und Nachkriegsalltag. Hagen 1996.
Webster, Charles / Frankland, Noble: The Strategic Air Offensive against Germany 1939-1945, Bd. I-IV. London 1961.

     
[Impressum]
  Copyright De-Media.de 2002, Letzte Aktualisierung 12.08.2002