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1955 Wir schreiben das Jahr 1955. Die Bundesrepublik erlebt ihr erstes Wirtschaftswunder. Die Idee vom "Wohlstand für alle", wie sie Ludwig Erhard programmatisch formuliert hat, nimmt mehr und mehr Form an. Angesichts dieses wirtschaftlichen Aufschwungs kann es nicht ausbleiben, dass auch das Bedürfnis nach Freizeitangeboten zunimmt. Das Automobil ist groß im Kommen. Die Kinos sind überfüllt. Traumstar der Epoche ist der junge James Dean, der im Jahr 1955 bei einem tragischen Autounfall ums Leben kommt und gerade dadurch zum unsterblichen Mythos wird. Das Fernsehen startet gerade seinen Sendebetrieb und ist erst in wenigen Haushalten vorhanden. Die Krönung von Elisabeth II. im Jahre 1953 und der deutsche Sieg bei der Fußball-WM 1954 in Bern sind die ersten Highlights des jungen Mediums. Auch das Bedürfnis nach dem Glück im Spiel bricht sich in der Bevölkerung Bahn. Zuerst in Form der Fußballwetten. Die frühen Fünfziger sind die Blütezeit des Toto. Doch dieses Spiel ist etwas für Experten, für Fans. Gesucht wird daneben ein Glücksspiel, das Jeder versteht, bei dem man kein Experte sein muss, das Frauen genauso wie Männer anspricht und bei dem allein der Zufall über den Gewinn entscheidet, ein wahrhaft demokratisches Prinzip. Denn vor dem Zufall sind alle Zahlen gleich, keine hat Privilegien. Die Antwort klingt italienisch: Lotto. Die Zauberformel dazu heißt "6 aus 49". Ihre Geburtsstunde erlebt die neue Spielformel am Sonntag, dem 9. Oktober 1955, um 16 Uhr. Geburtsort: Holstenwall 20 in einem Raum des ehemaligen Hotels Mau. Wir sind in Hamburg. Beteiligt sind nur vier Länder der damals noch jungen Bundesrepublik Deutschland: Hamburg, Schleswig-Holstein, Bayern und Nordrhein-Westfalen. Die erste Ziehung der Lottozahlen ist ein recht stilles Ereignis. Das Fernsehen ist noch nicht dabei. Die erste Fernsehübertragung einer Ziehung der Lottozahlen findet erst 10 Jahre später statt. Zuschauer gibt es deshalb bei der 1. Ziehung nur wenige. Die meisten der rund 30 Anwesenden sind Mitarbeiter der Lottogesellschaften oder der Finanzbehörden.
Der Ausspielleiter Jürgen Klawitter und der Notar Walter Kuckuck zeigen den Anwesenden einen Kasten, in dem 49 Plexiglaskugeln in Vertiefungen liegen. In den Kugeln liegen verschlossen Papierröllchen mit den Nummern 1 bis 49. Um dem Publikum zu zeigen, dass alle Nummern tatsächlich vorhanden sind, lässt der Notar sich einzelne Nummern zurufen, öffnet die entsprechende Kugel und das darin befindliche Los und zeigt es vor. Vor aller Augen wirft er dann die Kugel in die Lostrommel. Die ist so konstruiert, dass sie sich sowohl vorwärts als auch seitwärts drehen lässt. Zwei Waisenmädchen sind die ersten "Lottofeen". Als erster Glücksengel tritt das Mädchen Elvira an die mehrfach gedrehte Glückstrommel und zieht die allererste Kugel. Der Notar öffnet sie, rollt das Los auf und verliest die Nummer. Es ist die "13". Allgemeines Schmunzeln: Man ist ja nicht abergläubisch. Mit der "13" beginnt also der Reigen des Glücks im deutschen Zahlenlotto, aber in den seitdem vergangenen 45 Jahren hat die "13" nicht mehr so viel Glück. Sie ist nämlich die Zahl, die im Samstagslotto am seltensten gezogen wurde. Bis zur Jahresmitte 2000 in über 2300 Lottoziehungen ist die "13" nur 232 Mal eine von sechs Gewinnzahlen. Die "32" dagegen schafft es seit 1955 immerhin 338 Mal, die Ziehungstrommel zu verlassen. Damit liegt sie, sozusagen als "Fortunas Lieblingszahl", an der Spitze der Lottozahlen.
Kehren wir zurück zum 9. Oktober 1955. Der Notar übergibt also das Los mit der historischen allerersten Lottozahl "13" der Protokollführerin, die es registriert und ins Protokoll klebt. Das zweite Waisenmädchen zieht die Kugel: "41". Und dann folgen die anderen vier: "3" - "23" - "12" - "16". Zum ersten Mal hat die Glücksgöttin über die Gewinner im neuen Zahlenlotto entschieden. Eine Zusatzzahl, geschweige denn eine Superzahl gibt es noch nicht an diesem ersten Ziehungstag. Die Zusatzzahlziehung - ein Wort mit vier "Z" - findet erstmals am 17. Juni 1956 statt. Anfangs hat die Zusatzzahl nur dann eine Funktion, wenn niemand Sechs Richtige hatte, dann erhalten Spieler, die Fünf Richtige mit Zusatzzahl haben, den Gewinn in Klasse 1. Eine eigene Gewinnklasse wird für die Zusatzzahl am 7. Januar 1962 eingeführt. Die Superzahl kommt erst viel, viel später, am 7. Dezember 1991. Inzwischen ist das Lotto ein so beliebtes Glücksspiel geworden, dass es Woche für Woche meistens gleich mehrere Spielteilnehmer gibt, die Sechs Richtige haben. Um überhaupt einmal einen spannenden Jackpot zu schaffen, führt man deshalb Ende 1991 die neue Spitzenklasse Sechs Richtige mit Superzahl ein.
Damals in Hamburg ist die Arbeit der Ziehungsbeauftragten mit der Ermittlung der sechs Gewinnzahlen noch lange nicht getan. Es werden auch alle restlichen Kugeln geöffnet und die Lose ins Protokoll geklebt, um zu demonstrieren, dass auch tatsächlich alle 49 Zahlen im Spiel sind. Die Ziehung findet zwar in Hamburg statt, ist aber, wie schon eingangs erwähnt, eine gemeinsame Veranstaltung von Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Hamburg, die den sogenannten "Nordwestblock" bilden sowie Bayerns als einzigem Vertreter des Südens. Es dauert noch bis 1959, bis sich alle 11 Länder der damaligen Bundesrepublik im Deutschen Lotto- und Totoblock zusammenschließen. Im Zuge der deutschen Wiedervereinigung treten die Lotteriegesellschaften der fünf neuen Bundesländer Anfang der Neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts dem Deutschen Lotto- und Totoblock bei. An jenem ersten Ziehungstag, dem 9. Oktober 1955, hat übrigens noch kein Lottospieler Sechs Richtige. Nur 257.914 Scheine nehmen teil, die einen Umsatz von 515.828 DM erbringen. Zum Vergleich: Heute beträgt der Wochenumsatz im Samstagslotto deutschlandweit durchschnittlich 160 Mio DM. Die Lottoreihe kostet damals 50 Pfennige. Heute zahlt man am Samstag 1,50 DM pro Lottotipp. Das ist, verglichen mit der Preissteigerungsrate für Brötchen (damals 5, heute 50 Pfennige und mehr), eine durchaus moderate Preisentwicklung. Bei einem Umsatz von 515.828 DM spielen also in der ersten Ziehung 1.031.656 Lottoreihen mit. Die Wahrscheinlichkeit, Sechs Richtige zu erzielen, liegt genau bei 1 zu 13.983.816. Der Zufall hätte also der Wahrscheinlichkeitsrechnung einen Streich spielen müssen, wenn gleich beim ersten Mal ein Haupttreffer dabei gewesen wäre. Die Quoten der allerersten Lottoveranstaltung
lauten:
Den ersten Sechser gibt es aber noch 1955 in der 6. Ausspielung am 13. November (Ziehungsort diesmal München). Genauer gesagt sind es sogar die ersten Sechser, denn die Gewinnzahlen "6" - "18" - "22" - "29" - "37" - "44" haben gleich drei Lottospieler korrekt getippt. Aber Millionär werden kann man zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht. Doch es soll nicht mehr lange dauern. Zunächst aber die bescheidenen Quoten jener ersten Lottoziehung mit Sechs Richtigen am 13. November 1955.
Übrigens: Bis zum heutigen Tag (9. Oktober 2000) hat das Lotto am Samstag schon 14.612 Sechser zu verzeichnen. Das sind von 1955 bis 2000 im Jahresdurchschnitt etwa 325 Sechser allein im Lotto am Samstag (das Lotto am Mittwoch, das es seit 1982 gibt, gar nicht mitgezählt). Man sieht, es trifft wirklich mehr als man denkt. Den ersten Lotto-Millionär feiert Deutschland am 2. September 1956. Seine Gewinnsumme beläuft sich auf exakt 1.043.364,50 DM. Ein Betrag, der damals soviel wert war wie heute 20 Millionen. Doch er wird schon eine Woche später übertroffen. Der zweite Lottomillionär der deutschen Geschichte gewinnt 1.256.889,50 DM: auch heute noch ein hübsches Sümmchen, damals jedoch ein unfassbarer Betrag. Der September 1956 erlebt noch einen dritten Lottomillionär. Am 23.09.1956 werden 1.518.966,50 DM für Sechs Richtige im Lotto ausgezahlt. Doch dann ist Schluss mit den Millionenbeträgen. Eine Gewinnbegrenzung im ersten Rang auf 500.000 DM tritt im Oktober 1956 in Kraft. Fast 18 Jahre lang gibt es dann keine Lottomillionäre mehr. Erst am 6. Juli 1974 entschließt man sich, den Höchstgewinn von 500.000 DM auf 1,5 Mio DM zu erhöhen. 1985 fällt die Quotenbegrenzung im ersten Rang ganz weg, die Bildung von Jackpots wird möglich. Das führt in den Neunziger Jahren zu neuen Rekordmarken. 36 Mal können im Samstagslotto bis zur Jahresmitte 2000 Gewinne über 10 Mio DM ausgezahlt werden, 3 Mal sogar Summen, die 20 Mio DM überschreiten. Der Rekord liegt bei 20.956.636,60 DM. Gewinne, die Leben verändern. Lotto schreibt Biografien um, lässt Träume wahr werden. Millionen spielen und fiebern mit. Für viele ist es einfach ein gutes Gefühl, immer dabei zu sein und damit die Chance auf den ganz großen Treffer zu wahren. Aber irgendwer schafft es ja jedes Mal und nächste Woche könnte man es vielleicht selbst sein. Aus den bescheidenen Anfängen am 9. Oktober 1955 hat sich also das bekannteste und mit Abstand populärste Glücksspiel der Deutschen entwickelt. Kaum jemand, der es nicht schon einmal versucht hat. Der Ausdruck "Sechs Richtige im Lotto" ist zu einem Synonym für das ganz große Glück geworden und mittlerweile fester Bestandteil des deutschen Sprachschatzes.
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