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1958
Die Kohlekrise in Nordrhein-Westfalen

   
Bergmann in Bottrop, 1930.

Es ist nicht übertrieben, von einer Dauerkrise des Steinkohlenbergbaus in Nordrhein-Westfalen seit 1958 zu sprechen. Die wenigen guten Absatzjahre konnten nichts an dem grundsätzlichen Problem, dass die Steinkohle in den nordrhein-westfälischen Revieren unter den gegebenen Abbaubedingungen und zu dem in Deutschland herrschenden Lohnniveau mit anderen Energieträgern nicht erfolgreich konkurrieren kann, ändern.

Es hat Jahrzehnte gedauert, bis sich diese Einsicht bei den beteiligten Unternehmen, bei Gewerkschaft und Staat durchgesetzt hat. Der lange vorherrschende trügerische Optimismus über die Zukunft des einheimischen Energieträgers hat dazu geführt, dass bis in die 1980er Jahre unter der Parole "Vorrang für Kohle" eine Politik des Schutzes, der Erhaltung und der Stabilisierung auf der Basis von ständig steigenden staatlichen Subventionen verfolgt wurde. Die Grundlagen für diese Einstellung wurzeln besonders in der Zeit vor 1958, als die zu geringe Kohlenproduktion der bedeutendste Engpassfaktor für die Entwicklung der bundesrepublikanischen Wirtschaft in der frühen Wirtschaftswunderphase war. Schon damals hatte der Staat keine marktwirtschaftliche Lösung zugelassen, und aus Angst vor steigenden Energiepreisen den Kohlenbergbau aktiv mit Subventionen und Protektionismus gefördert und sogar bis 1957 noch Produktionsausweitungen angeregt. Zur weiteren Dämpfung der Energiepreise wurden Mitte der 1950er Jahre auch die hohen Zölle auf Öl abgebaut. Die gleichzeitig drastisch fallenden internationalen Ölpreise bewirkten einen schnell ansteigenden Import und die strukturelle Umstellung des Energiebedarfs der Bundesrepublik auf diese in der Anwendung bequeme Energie.

Fast 6 Stunden ziehen Bergleute durch Bonn: der Zutritt zur Regierungs-Bannmeile wird ihnen verwehrt, 1959.
 

Das Zechensterben begann schon 1958 und führte innerhalb von 10 Jahren zur Schließung von 78 Schachtanlagen und dem Rückgang der Beschäftigten in der Ruhrkohle von 607.000 auf 287.000 Personen. Die Reaktion von Staat und Wirtschaft war eine kurzfristige Krisenpolitik zur Erhaltung der bestehenden Strukturen und zur sozialen Abfederung der ausscheidenden bzw. kurzarbeitenden Bergleute. Arbeitslosigkeit war in dieser ersten Krisenphase noch kein großes Problem, weil die schnell wachsende Wirtschaft die vom Bergbau freigesetzten Arbeitskräfte ohne Mühe integrieren konnte. In dieser zweiten Phase des Wirtschaftswunders hätte wohl eine konsequente Politik der Umstrukturierung des Ruhrgebietes das starke Übergewicht der Montanindustrie abbauen können. Die Ansiedlung des Opel-Werkes in Bochum war dafür ein gutes, aber vereinzeltes Beispiel. Politik und Unternehmen hofften aber weiter, dass mit Hilfe von staatlich subventionierter Rationalisierung die Kohle wieder wettbewerbsfähig gemacht werden könnte.

Die erste allgemeine Wirtschaftskrise der Bundesrepublik in den Jahren 1966/67 entlarvte diese Hoffnung als Fehleinschätzung; denn mit dem Einbruch der Nachfrage stand der deutsche Bergbau kurz vor dem Kollaps. Im neuen Glauben an die Effizienz von staatlicher Planung stellte die Regierung der Großen Koalition mit SPD-Beteiligung ein großes Rettungsprogramm zusammen, dass durch Subventionierung des Kohleeinsatzes in deutschen Kraft- und Hüttenwerken eine gesicherte Abnahme garantieren sollte. Durch die Gründung einer großen Einheitsgesellschaft, die Ruhrkohle AG, sollte die Rationalisierung vorangetrieben und durch ein umfangreiches Sozialprogramm die Arbeiterschaft beruhigt werden. Diese von Staat, Industrie und IG Bergbau gemeinsam unterstützte Strategie war erfolgreich, ging aber zu Lasten der Steuerzahler, die die Kosten für immer höhere Subventionen aufbringen mußten.

 
Bergleute vor dem Bonner Kanzleramt, 1987.

Die beiden Ölkrisen der 1970er Jahre schienen den Befürwortern der "Kohlevorrangpolitik" recht zu geben. Trotzdem kam es nicht zur langfristigen Stabilisierung des Bergbaus. Die von der Ölkrise ausgelösten Rezessionen trafen die kohleverbrauchende Stahlindustrie sehr hart und führten zu einer gegenseitig sich verstärkenden Doppelkrise der dominierenden Branchen des Ruhrgebiets. Die steigenden Ölpreise konnten nicht wie gehofft den Absatz der Ruhrkohle ankurbeln, weil mit der Importkohle, der Braunkohle, der Kernenergie und dem Erdgas weit billigere Energiealternativen vorhanden waren.

Also blieb es bei der mittlerweile traditionellen Subventionspolitik, deren Kosten bis Ende der 1980er Jahre auf DM 66.000 pro Beschäftigten und 40% des Umsatzes des Ruhrbergbaus eskalierten. Die staatlichen Sozialprogramme, die in diesem Ausmaß keinem anderen schrumpfenden Industriezweig zugute kamen, haben die direkten Konsequenzen der Arbeitslosigkeit bei den Beschäftigten des Bergbaus effektiv abgefedert, aber die sekundären Effekte des Niedergangs der Montanindustrie auf die Beschäftigten im Ruhrgebiet hat zu einer strukturellen hohen Arbeitslosigkeit im Revier entscheidend beigetragen.

Seit dem Anfang der 1980er Jahren wird die Subventionspolitik durch eine mehr innovative Regionalpolitik flankiert, die eine Umstrukturierung des Ruhrgebiets zum Ziel hat. Ein messbarer Strukturwandel ist eingetreten, aber im Kontext des verlangsamten allgemeinen Wachstums seit 1973 bleiben die Erfolge, trotz beachtlicher finanzieller Anstrengung, begrenzt. Die negativen Konsequenzen des politisch gebremsten Strukturwandels der frühen 1960er Jahre werden noch lange als schwere Hypothek auf Land und Bund lasten.

Ulrich Nocken


Liste Zechenschließungen

Literatur:
Abelshauser, Werner: Der Ruhrkohlenbergbau seit 1945. Wiederaufbau, Krise, Anpassung. München 1984.
Parnell, Martin: The German tradition of organized capitalism: self-government in the coal industry. Oxford 1994.
Petzina, Dietmar: Wirtschaft und Arbeit 1945-1985, in: Das Ruhrgebiet im Industriezeitalter: Geschichte und Entwicklung, hsg. von Wolfgang Köllmann u.a., Band 1. Düsseldorf 1990. S. 491-568.

 

     
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