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1239
Die Aachener Heiligtumsfahrt

Karl der Große besaß wie nahezu alle mittelalterlichen Herrscher keine feste Residenz, sondern zog mit seinen Beamten, dem Gefolge und seiner Familie von Königspfalz zu Königspfalz. Dabei handelte es sich um große Höfe und Güter, die auch für formelle Versammlungen, Amtshandlungen und Empfänge geeignet waren.

Seine Lieblingspfalz war ganz offensichtlich Aachen, schon im Altertum bei den römischen Herrschern wegen seiner Heilquellen beliebt. Hier ließ der Kaiser das um 750 entstandene Gut zwischen 792 und 800 mit sehr prachtvollen Bauten und der berühmten achteckigen Pfalzkapelle zu seinem eigentlichen Königssitz und einem der wichtigsten Zentren des damaligen Abendlandes ausbauen. Die Besonderheit der Kapelle Karl des Großen bestand aber nicht nur in der besonderen Architektonik und der Anlehnung an byzantinische Vorbilder, sondern auch darin, dass sie die erste Kirche des Abendlandes war, die der Jungfrau Maria geweiht wurde.

Die fränkischen Reichsanalen berichten, dass zur Einweihung der 799 vollendeten Kapelle ein sagenhafter Reliquienschatz aus Jerusalem durch den dortigen Patriarchen übersandt wurde. Was der kostbare Reliquienschrein tatsächlich enthielt, wurde erst 1239 öffentlich gemacht. Die aufgefundenen Verehrungsgegenstände wurden als

  • das Kleid von Maria
  • die Windeln Jesu
  • das Lendentuch Christi und
  • das Enthauptungstuch von Johannes den Täufer bezeichnet.

Auch ohne genaue Kenntnis des Reliquienschatzes hatte sich vor allem seit der Heiligsprechung von Karl dem Großen im Jahr 1165 durch Kaiser Friedrich I. (Barbarossa) ein bedeutsames Wallfahrtswesen entwickelt. Seit 1239 wurde die Wallfahrt zu den Heiligtümern des Aachener Münsters als Heiligtumsfahrt (auch Heiltumsfahrt) bezeichnet. Bis 1349 fand sie in unregelmäßigen Abständen von 1 bis zu 5 Jahren statt. Danach wurde ein siebenjähriger Turnus eingeführt, der bis heute nur in seltenen Ausnahmesituationen durchbrochen wird. Die Zahl sieben galt in der mittelalterlichen Symbolik als besonders heilig, da sie sich aus der Addition der heiligen Zahlen drei und vier ergab und als besonders vollkommen und vollendet angesehen wurde. Die Symbolik wurde so überspitzt, dass die Heiligtumsfahrt nicht nur alle sieben Jahre, sondern auch im siebten Monat für zwei mal sieben Tage durchgeführt wurde, sondern auch die Reliquien am 16. Juli, dem Tag der Sieben Brüder an sieben Stellen des Münsters gezeigt wurden. Die Pilger verbanden die Aachener Heiligtumsfahrt zudem mit sechs weiteren Wallfahrtsorten.

Beliebt war die Wallfahrt nach Aachen auch, weil sie mit einer reichen Ablaßgewinnung verbunden war. Ihren Höhepunkt erreichte die Heiligtumsfahrt im 14. und 15. Jahrhundert. Einer Zeit, in der sich eine Art von Frömmigkeit entwickelt hatte, die einerseits stark emotional und verinnerlicht war, andererseits aber auch in stark veräußerlichten und quantitativen Formen ihren Niederschlag fand.

Quellen aus dieser Zeit sprechen von 100.000 bis 150.000 Pilgern, die sich in Aachen einfanden. Die Aachener Heiltumsfahrt war im deutschen Sprachraum die größte Wallfahrt. Im Abendland wurde sie nur von Rom und Santiago de Compostella übertroffen.

Die Heiligtumsfahrt bescherte Aachen und der Umgebung fast drei Jahrhunderte erhebliche Einnahmen und führte zu einer regen Bautätigkeit an Kirchen, Gasthöfen und auch im Bereich Straßenbau. Politische Unruhen und die Reformation führten im 16. Jahrhundert abrupt zu einem drastischen Rückgang der Pilgerzahlen.

Die Teilnahme an Wallfahrten kam im Mittelalter oft auch einem Abenteuer gleich. Unsichere Verkehrswege, unzureichende Versorgung und auch die oft sehr lockeren Sitten schufen erhebliche Probleme. Lange Zeit war es deshalb zum Beispiel jungen Frauen nicht gestattet, sich an diesen Formen von Frömmigkeit zu beteiligen. Seit etwas Mitte des 13. Jahrhunderts wurden Wallfahrten auch als Sühnemittel bei Vergehen wie Meineid, Unzucht, Betrug oder sogar Totschlag gerichtlich verhängt. Bei schweren Vergehen wurde die Teilnahme an der Heiligtumsfahrt nach Aachen sogar mit Auflagen verbunden, weitere Wallfahrtsorte wie Trier, Einsiedeln, Jerusalem, Rom oder Santiago de Compostella zu verbinden.

Website des Aachener Doms:
http://www.aachendom.de
http://www.aachendom.de/heifa/default.htm

Literatur:
Beissel, Stefan.: Die Aachenfahrt. Freiburg 1902.
Preising, Dagmar: Die Aachener Heiligtumsfahrt : Bildzeugnisse und Aachen 1993: Museen der Stadt Aachen.

 

     
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