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Alle Artikel dieser Epoche

1871 - 1890
Das Kaiserreich und der Aufstieg des Ruhrgebietes

Am 18. Januar 1871 wurde der preußische König Wilhelm I. in Versailles zum deutschen Kaiser proklamiert. Deutschland, zuvor in viele kleine und wenige große Staaten geteilt, war ein Kaiserreich geworden. Die Einigung der deutschen Staaten in ein Reich wurde durch drei Kriege möglich: gegen Dänemark um Schleswig-Holstein (1864), gegen Österreich (1866) und schließlich gegen Frankreich (1870/71). Mit dieser Zeit unlösbar verbunden ist der Name des Reichskanzlers Otto von Bismarck, der 1862 als preußischer Ministerpräsident die politische Bühne betrat. Er gilt als der eigentliche Gründer des deutschen Kaiserreiches. Das Reich war ein Zusammenschluß deutscher Fürsten, nicht etwa eine Staatsgründung des deutschen Volkes. Demzufolge war die Verfassung monarchisch-konservativ. Mit dem Reichstag, der durch alle Männer ab 25 in freier, geheimer und gleicher Wahl gewählt wurde, gab es zwar erstmals eine echte Volksvertretung. Allerdings hatte der Reichtag nicht die vollen Parlamentsrechte. Bismarck hatte es verstanden, die nationale Bewegung in der Bevölkerung in seine Pläne mit einzubeziehen. Das deutsche Volk bejubelte seinen neuen Kaiser.

Die Jahre nach der Reichsgründung waren gekennzeichnet durch einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung. Vor allem durch das Geld, das Frankreich als Kriegsentschädigung zahlen mußte, wurde der Aufschwung der Industrie beschleunigt, das Eisenbahnnetz ausgebaut und ein regelrechter Bauboom entfacht. Auch bekannte Unternehmen der Region wurden in dieser Zeit gegründet oder zu ihrer späteren Bedeutung geführt. Nach diesen goldenen Jahren führte eine allgemeine Wirtschaftskrise 1873 zu Kursstürzen, Bankkrächen und einer mehrere Jahre andauernden Depression. Das noch junge Deutsche Reich erlebte seine erste Wirtschaftskrise.

1875 vereinigten sich der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein und die Sozialdemokratische Arbeiterpartei zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands. Es folgte die Zeit der wachsenden Bedeutung der Sozialdemokratie. Bei den Reichstagswahlen hatten die Sozialisten immer mehr Erfolg. Doch es sollte noch bis 1912 dauern, bis die SPD die stärkste Partei in Deutschland wurde. Eine Ursache war sicher auch die unnachgiebige Haltung des Reichskanzlers, der diese Bewegung zurückzudrängen trachtete. Er erließ am 21. Oktober 1878 das Reichsgesetz "wider die gemeingefährliche Sozialdemokratie", das ein Verbot der Vereine, Versammlungen und Parteizeitungen beinhaltete. Sein erklärtes Ziel war die Zerschlagung der Gewerkschaften und der Sozialdemokratischen Partei. Das sogenannte Sozialistengesetz hatte bis 1890 bestand. Gleichzeitig suchte Bismarck die soziale Lage der Arbeiter zu bessern: am 17. November 1881 wurde ein sozial-politisches Programm im Reichstag vorgestellt, das eine Unfall-, Kranken-, Invaliden- und eine Altersvorsorge vorsah. Tatsächlich wurde 1883 die Krankenversicherung und 1884 die Unfallversicherung eingeführt, die zu gleichen Teilen durch Beiträge der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber finanziert wurde. Diese Maßnahmen des Deutschen Reiches hatten lange Zeit Vorbildcharakter für andere Staaten.

Literatur:
Markus Köster: Jugend, Wohlfahrtsstaat und Gesellschaft im Wandel. Westfalen zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik. Schöningh, Paderborn 1999.
Hans-Peter Ullmann: Politik im Deutschen Kaiserreich 1871 - 1918. Oldenbourg, München 1999.
Rainer Müller (Hg.): Vom Deutschen Bund zum Kaiserreich : 1815 - 1871, Reclam 1997.

     
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